Junglandwirte fordern faire Rahmenbedingungen

Junglandwirtetag in Nienburg: Anneke Kreißig, Philipp Hattendorf, Christine Kolle, Anneke Eggers, Dr. Cord Stoyke, Prof. Dr. Wilhelm Windisch, Max Klockemann (v.l.n.r.) Foto: Landvolk

Klimaschutz, Umweltschutz und Tierwohl bremsen unternehmerisches Handeln

L P D – „Die Politik soll uns nicht retten. Wir brauchen als Unternehmer jedoch endlich praxistaugliche und verlässliche Rahmenbedingungen, deren Ziele und Vorgaben aufeinander abgestimmt sind“, brachte es Philipp Hattendorf, Vorsitzender der Junglandwirte Niedersachsen, beim Junglandwirtetag in Nienburg auf den Punkt. Unter dem Motto „Weiter denken – Berufsnachwuchs braucht Perspektiven“ begrüßte er heute dort rund 400 Teilnehmerinnen und Teilnehmern und sendete Forderungen an die Politik: „Heute so, morgen so. Das zehrt an den Nerven und muss sich ändern“, richtete er sich direkt an die anwesende niedersächsische Landwirtschaftsministerin Miriam Staudte.

In ihrem Grußwort ging die Ministerin auf die Herausforderungen der niedersächsischen Landwirtschaft ein. „Es ist sehr wichtig, dass Sie konkret schildern, welche Probleme da sind“, dankte sie Hattendorf für seinen persönlichen Einblick. Die Proteste hätten gesamtgesellschaftliche Aufmerksamkeit erreicht, nun sei es Zeit zum direkten Austausch am runden Tisch zusammen zu kommen. „Die Landwirtschaft steht durch die Klimakrise vor großen Herausforderungen,“ sagte Staudte. Sie sei sich daher bewusst, dass von der Politik Stabilität und Planungssicherheit verlangt werde. Als positives Beispiel für eine vertrauensvolle Zusammenarbeit nannte sie den Niedersächsischen Weg.

Trotzdem sind die Landwirte von der globalen Erwärmung direkt betroffen. Eine weite Fruchtfolge sei im Hinblick auf trockene Sommer und häufigere Starkregenereignisse eine Möglichkeit der Risikostreuung. „Aber was nützt die schönste Fruchtfolge, wenn es keinen Absatz für die Produkte gibt“, nannte Staudte als Beispiel. Zudem seien die Landwirte nicht in der Lage, ihre Kosten 1:1 an ihre Abnehmer weiterzugeben. „Die Rolle der Erzeuger muss gestärkt werden“, folgerte die Ministerin daraus. Als größtes Problem wurde auch bei dieser Veranstaltung die Bürokratisierung auf den Höfen an sie herangetragen.

„Im Hinblick auf die Verwertung der unvermeidbaren, nicht essbaren Biomasse wie Stroh im Getreidebau oder Grasaufwuchs auf Weiden sind Nutztiere unverzichtbar“, sagte Professor Dr. Wilhelm Windisch von der TU München in seinem Vortrag. In der Kreislaufwirtschaft schützen insbesondere die Wiederkäuer Umwelt, Klima und Biodiversität. Die deutsche Nutztierhaltung habe schon sehr viel zur Erreichung der Klimaziele beigetragen. Die Herausforderung bestehe darin, mithilfe einer optimierten Futterwirtschaft und Futterqualität eine möglichst hohe Leistung der Tiere zu erreichen. „Als Tierhalter werdet ihr gebraucht, um die wachsende Weltbevölkerung zu ernähren und gleichzeitig die zur Verfügung stehenden Ressourcen an landwirtschaftlicher Fläche möglichst effizient und nachhaltig zu nutzen“, appellierte Windisch an die Junglandwirte.

Die aktuelle Herausforderung, vor der Junglandwirtin Anneke Eggers steht, ist die Frage, ob es für sie eine berufliche Zusakunft auf dem Klostergut Loccum geben kann, das ihre Familie seit 1982 gepachtet hat. Neben Zuckerrüben, Silomais, Weizen und weiteren Getreidearten baut der Betrieb Erdbeeren und Kürbisse an, die sie direkt vermarktet. Eggers betreiben zudem eine Biogasanlage mit Wärmenetz. Mit der Umstellung des Ackerbaus auf pfluglose Bodenbearbeitung, mit dem Einsatz von Hacktechnik und einem Erdbeer-Selbstpflückfeld ist das Familienunternehmen modern aufgestellt. Dennoch hadert die Junglandwirtin mit der Frage, ob eine Weiterbewirtschaftung angesichts der sich immer weiter verschlechternden Rahmenbedingungen möglich ist.

„Die Bürokratie, mit der wir uns befassen müssen, ist unvorstellbar groß“, sagte die Junglandwirtin mit Blick auf eine von vielen Herausforderungen. Da die Ackerflächen sowohl in Niedersachsen als auch in Nordrhein-Westfalen liegen, hat der Betrieb es bei ein und demselben Thema je nach Bundesland mit unterschiedlichen Vorgaben zu tun. Zudem kommunizieren die technischen Systeme, mit denen der Betrieb die Dokumentation für die essenzielle EU-Agrarförderung vornehmen muss, nicht miteinander. Dies führe dazu, dass die Förderung erst mit großer Verspätung an den Betrieb ausgezahlt werde. Betrieblich stellt sich der Junglandwirtin zudem die Frage, ob der Ackerbau in ihrer Region in Zukunft ohne Beregnung überhaupt möglich ist.

Philipp Hattendorf bewegen ähnliche Fragen. Seine Familie bewirtschaftet einen Betrieb mit Milchkühen, Legehennen und Direktvermarktung. Der Lehrter Junglandwirt zeigte die direkte Betroffenheit von Vorgaben auf, die am grünen Tisch und ohne Bezug zur Praxis erstellt werden: „Ziele und Vorgaben schließen sich teilweise aus, widersprechen oft guter landwirtschaftlicher Praxis und schaden unterm Strich mehr als sie nutzen“, sagte Hattendorf. Als Beispiel nannte er die Düngeverordnung. Neben ausufernder Dokumentation darf er seine Pflanzen nicht mehr bedarfsgerecht düngen, denn seine Felder liegen alle in „roten Gebieten“. Die Erzeugung von Brotgetreide sei unter diesen Umständen Geschichte. „Der Gesetzgeber macht Vorgaben und die Betroffenen müssen zusehen, wie sie mit den Folgen klarkommen“, fasst er die Gründe für die Zukunftsängste der jungen Generation zusammen.

In der abschließenden Diskussion spannten die Junglandwirte mit ihren Fragen den Bogen von der Stilllegung und der Bürokratie über den Wolf und die Weidetierhaltung bis hin zur Biolandwirtschaft und zur Zukunft der Biogasanlagen.

Wiebke Molsen

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